Ist Prosozialität ansteckend? Erkenntnisse von Menschen und unseren nächsten Primatenverwandten
von Saein Lee
Anderen zu helfen ist etwas Wunderbares. Es fühlt sich gut an, und gleichzeitig kann man jemandem in Not tatsächlich helfen. Das ist doch ganz selbstverständlich in unserer Gesellschaft, oder?
Was war Ihr erster Gedanke beim Lesen dieser Sätze? Wenn ich raten dürfte, vermutlich keiner – jedenfalls nichts Besonderes. Es fühlte sich wahrscheinlich so selbstverständlich an, dass man nicht weiter darüber nachdenkt. Das liegt daran, dass es in vielen Gesellschaften eine starke prosoziale Norm gibt, die uns vermittelt, dass Helfen einfach etwas ist, das wir als Menschen tun sollten. Aber woher kommt diese Norm? Warum folgen wir ihr, statt gegen sie zu verstossen? Und ist das etwas, das nur Menschen tun?
Diese Fragen beschäftigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit Jahren. Prosozialität – freiwilliges Verhalten, das anderen zugutekommt – spielt eine grosse Rolle für menschliche Kooperation, das Gemeinschaftsleben und moralische Werte. Aber ist sie wirklich ein ausschliesslich menschliches Merkmal? Oder zeigen auch andere Tiere, insbesondere unsere engsten evolutionären Verwandten wie Schimpansen, Orang-Utans, Bonobos und Gorillas, ähnliche Verhaltensweisen?
Eine Studie von Nicolas Claidière und Kolleg*innen aus dem Jahr 2015 ging diesen Fragen nach. Die Forschenden arbeiteten mit Menschen verschiedenen Alters, Schimpansen und Kapuzineraffen, um zu testen, ob sie sich prosozial verhalten würden – und noch spannender: ob sich dieses Verhalten in einem sozialen Kontext weiterverbreiten könnte. Dafür entwickelten sie eine Aufgabe, bei der die Teilnehmenden zwischen zwei Alternativen wählen konnten. Beide brachten ihnen selbst eine Belohnung, aber eine der Alternativen verschaffte gleichzeitig einem in der Nähe sitzenden Sozialpartner eine bessere Belohnung. So konnten die Forschenden beobachten, ob die Teilnehmenden eher eine Wahl trafen, die sowohl ihnen selbst als auch einer anderen Person zugutekam, oder ob sie sich nur auf den eigenen Vorteil konzentrierten.
Die Ergebnisse zeigten, dass erwachsene Menschen konsequent die Alternative wählten, die sowohl ihnen selbst als auch der anderen Person zugutekam. Jüngere Kinder, Schimpansen und Kapuziner hingegen zeigten selektivere Muster. Siebenjährige Kinder verhielten sich beispielsweise nur dann prosozial, wenn sie selbst eine bessere Belohnung erhielten. Schimpansen zeigten prosoziale Reaktionen nur dann, wenn zwischen ihnen und ihrem Partner eine durchsichtige Barriere vorhanden war – ein Hinweis darauf, wie wichtig der soziale Kontext für prosoziales Verhalten ist. Kapuzineraffen wählten die prosoziale Option hingegen selten, ausser der Versuchsaufbau wurde leicht verändert. Diese Befunde deuten darauf hin, dass Prosozialität von sozialen und situativen Bedingungen abhängt. Auch beim Menschen entwickelt sie sich erst im Laufe der Zeit; jüngere Kinder verhalten sich nicht immer prosozial, es sei denn, sie befinden sich in einem bestimmten Kontext oder erhalten bestimmte Arten von Anreizen.
Der bemerkenswerteste Teil der Studie zeigte sich jedoch in der zweiten Phase. Nach dem ersten Test erlebten die Teilnehmenden eine neue Erfahrung: Sie wurden nun selbst zu Empfängern, deren Partner sich ihnen gegenüber stets grosszügig verhielt. Als sie zur ursprünglichen Aufgabe zurückkehrten, hatte sich etwas verändert. Schimpansen und siebenjährige Kinder, die zuvor eher wählerisch gewesen waren, verhielten sich nun deutlich prosozialer. Nachdem sie selbst Grosszügigkeit erfahren hatten, zeigten sie mehr Grosszügigkeit gegenüber einem anderen Partner. Dieser Effekt ist als generalisierte Reziprozität bekannt. Anstatt derselben Person zu helfen, die ihnen zuvor geholfen hatte, halfen die Teilnehmenden jemand anderem. Sie gaben die Grosszügigkeit weiter. Es ging also nicht um das Belohnen eines bestimmten Individuums, sondern um das Reagieren auf ein soziales Umfeld. Interessanterweise zeigte sich dieser Effekt weder bei fünfjährigen Kindern noch bei Kapuzineraffen.
Diese Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse über die Ursprünge von Prosozialität. Erstens hängt prosoziales Verhalten von Alter, Kontext und Erfahrung ab. Zweitens existiert die Fähigkeit, auf die Grosszügigkeit anderer mit eigener Grosszügigkeit zu reagieren, nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Schimpansen. Das macht Prosozialität zu einer – zumindest in gewissem Masse – gemeinsamen Eigenschaft von Menschen und anderen Primaten. Prosozialität ist also wahrscheinlich kein rein menschliches Phänomen, sondern hat tiefere evolutionäre Wurzeln.
Literatur
Claidiere, N., Whiten, A., Mareno, M. C., Messer, E. J., Brosnan, S. F., Hopper, L. M., Susan P. Lambeth, Steven J. Schapiro, & McGuigan, N. (2015). Selective and contagious prosocial resource donation in capuchin monkeys, chimpanzees and humans. Scientific reports, 5(1), 7631.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
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